Bulgarien: Land und Leute
Land & Leute
Es ist durchaus nicht ungewöhnlich, wenn der Name eines neu gekürten Nobelpreisträgers für Literatur zunächst nur Fachkreisen bekannt ist. Am 15. Oktober 1981 allerdings standen die Journalisten vor einem ganz anderen Rätsel: Welches Land konnte beanspruchen, Elias Canetti zu den Seinen zu zählen? Österreich, von wo er 1938 geflohen war, oder England, wohin er sich anschließend gewandt hatte?
Dabei hatte Canetti in einem seiner Texte eindrucksvoll beschrieben, wo seine Wurzeln lagen: „Rustschuk, an der unteren Donau, wo ich zur Welt kam, war eine wunderbare Stadt für ein Kind ... Alles, was ich später erlebt habe, war in Rustschuk schon einmal geschehen.“ Rustschuk liegt in Bulgarien, immer noch eines der geheimnisumwittertsten Länder Osteuropas. Bis zum Ende des Kommunismus ein beliebtes Urlaubsziel von Russen, Polen, Ungarn und Ostdeutschen, wusste kaum ein Mitteleuropäer Näheres über das Land auf dem östlichen Teil der Balkanhalbinsel. Wohlbekannt waren kaum mehr als die geografischen Fakten. Im Norden grenzte Bulgarien entlang eines 471 Kilometer langen Donauabschnittes an Rumänien. Im Süden schlossen sich die Türkei und Griechenland an, im Westen Serbien und Mazedonien. Das Schwarze Meer bildete im Osten die natürliche Grenze des Landes. Die gesamte Küstenlinie war 378 Kilometer lang. All das stimmt heute noch. Aber viel mehr ist dennoch nicht nach Westen gedrungen.
„Sofia ist eine sehr schöne Stadt, nur an das Verkehrschaos muss man sich gewöhnen.Eine rote Ampel ist nicht immer eine rote Ampel, und große schwarze Autos haben immer Vorfahrt. Aber es gibt hier nichts, was mich wirklich schockiert.“
Oliver Kesseler arbeitet seit September 2008 in Sofia.
Die 1990 gegründete Republik Bulgarien, die das kommunistische Bulgarien ablöste, ist etwas größer als Bayern und Baden-Württemberg zusammen. Zwei große Gebirgszüge gliedern das Land in vier unterschiedliche Regionen: in das Nordbulgarische Donauhügelland, das Balkangebirge, die Thrakische Niederung und die Rhodopen im Süden. Das Land ist dünn besiedelt. Mit rund acht Millionen Einwohnern leben hier weniger Menschen als im Großraum London. Die wirtschaftlichen und kulturellen Zentren sind neben der Kapitale Sofia die Binnenstädte Plovdiv und Russe.
Varna ist die drittgrößte Stadt Bulgariens und der wichtigste bulgarische Hafen am Schwarzen Meer. Dank ihres warmen Klimas und des langen Sandstrandes ist die „heimliche Hauptstadt“ ein beliebtes Ferienziel für Urlauber aus der ganzen Welt. Nördlich von Varna beginnt der touristisch erschlossenste Küstenabschnitt: Ein Badeort nach dem anderen reiht sich den „Goldstrand“ entlang. Südlich von Nessebar an der Schwarzmeerküste liegt der „Sonnenstrand“. Er ist nicht ganz so mondän, garantiert im Sommer aber gleichfalls Temperaturen von mehr als 25 Grad und eine mittlere Wassererwärmung auf 23 Grad Celsius.
Die Amtssprache ist Bulgarisch, weitere Landessprachen sind Türkisch, Romani und Armenisch. Etwa jeder zehnte Bulgare stammt aus der Türkei, mit 5 Prozent stellen die Roma und Sinti eine starke Minderheit. Gut 80 Prozent der Bulgaren bezeichnen sich als Christen; die meisten gehören der bulgarisch-orthodoxen Kirche an. Gleich dahinter folgen die Muslime. Die sephardischen Juden hingegen, von denen 1947 noch etwa 50.000 in Bulgarien lebten, sind bis auf einige Hundert verschwunden. Die Canettis gehörten auch dazu. Weitere Informationen über Bulgarien finden Sie unter www.auswaertiges-amt.de, http://ec.europa.eu und www.deutsch-bulgarisches-forum.org.
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Blick in die Wirtschaft
Wie andere osteuropäische Staaten hat Bulgarien mit der Notwendigkeit weitreichender struktureller Reformen zu kämpfen, die auch seit dem EU-Beitritt noch nicht vollständig durchgeführt sind. Ein großes Problem ist das Leistungsbilanzdefizit, das 2008 bei fast einem Viertel des Bruttoinlandsprodukts lag; es wird sich nach Einschätzung der EU-Kommission auch bis 2010 kaum verringern. Ähnlich gefährlich ist die hohe Inflation: Sie betrug 2008 etwa 12 Prozent und dürfte in den folgenden Jahren bei 8 bis 9 Prozent liegen. Das dritte große Hemmnis für die bulgarische Wirtschaft ist die ineffiziente Nutzung von EU-Fördermitteln, durch die das Land schon Hilfen von über 200 Millionen Euro verloren hat.
„In den letzten Jahren hat sich die Ungleichheit in Bulgarien vergrößert. Manche verdienen mehr als unsere Bundeskanzlerin, andere müssen ohne Strom und Wasser leben. Gleichzeitig ist der Neid gewachsen. Und die Bulgaren glauben nicht mehr, dass die Wirtschaftskrise schnell vorbeigeht. Der Einzelhandel spürt jetzt deutlich, dass die Leute ihr Geld beisammenhalten.“
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Bulgarien ist nach einigen Jahren starken Wirtschaftswachstums am 1. Januar 2007 der EU beigetreten. Investitionen und Fördermittel trugen dazu bei, dass das Bruttoinlandsprodukt weiter stieg. Noch in den ersten drei Quartalen des Jahres 2008 lag das reale Wirtschaftswachstum bei etwa 7 Prozent. Mit Beginn der weltweiten Wirtschaftskrise brach auch die bulgarische Wirtschaft ein: Das BIP wuchs im vierten Quartal 2008 nur noch um 3,5 Prozent. Für 2009 rechnet Eurostat mit einer Schrumpfung um 1,6 Prozent; damit sind die Aussichten allerdings noch besser als im EU-Durchschnitt (minus 4 Prozent) oder in Deutschland (minus 5,4 Prozent).
Während viele ausländische Unternehmen ihre Investitionen in Bulgarien zurückfahren wollen, sind gleichzeitig neue große Projekte in Planung, zum Beispiel neue Supermärkte oder Investitionen im Bereich erneuerbare Energien. Von der Krise stark betroffen sind der bulgarische Bausektor, die Automobilzulieferer, die Textilindustrie und auch der Tourismus. Als Wachstumsbranchen gelten zum Beispiel die Energie- und Umwelttechnik, die Medizintechnik und der Handel.
Der hohe BIP-Anteil des Dienstleistungssektors von gut 50 Prozent verdeutlicht dessen wachsende Bedeutung. Speziell der Tourismus wird wieder zum Markenzeichen Bulgariens. Die Industrie trägt rund ein Viertel zum BIP bei; sie kann ihre frühere Bedeutung wohl erst nach der Umstrukturierung zurückgewinnen. Wichtige Industriezweige Bulgariens sind die Metallindustrie, die Nahrungs- und Genussmittelindustrie, die Textilindustrie und der Maschinenbau. Die Bedeutung der Landwirtschaft war in Bulgarien nie so hoch wie beispielsweise in Rumänien und Ungarn, ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt lag 2008 bei nur noch etwa 5 Prozent.
Interessante Links:
www.auswaertiges-amt.de
Das Auswärtige Amt informiert auf seinem Online-Portal unter dem Stichwort "Länderinformationen" über europäische und außereuropäische Länder. Die Themen: Politik, Wirtschaft, Kultur, Stand der bilateralen Beziehungen und Einreisebestimmungen des jeweiligen Ziellandes sowie Reise-, Sicherheits- und Gesundheitshinweise.
www.mfa.bg/de/24/
Das Online-Portal informiert über die Außenpolitik, Wirtschaft, den Handel und Arbeitsmarkt sowie über das Bildungssystem in Bulgarien. Darüber hinaus gibt es ausführliche Hinweise zu den Einreise- und Aufenthaltsbestimmungen.
www.bulgarien-web.de
Die Webseite informiert in deutscher Sprache über Menschen, Landschaft, Geschichte, Kultur und Küche in Bulgarien.
www.ec.europa.eu
Übersicht über die verschiedenen Regional- und Minderheitensprachen, die in den Mitgliedstaaten der Europäischen Union gesprochen werden. Die Webseite bietet Informationen zur Geschichte der Region sowie der Entwicklung und Verbreitung von Regional- und Minderheitensprachen.
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